Huawei FreeClip 2 im Test: Wenn Aliens uns Kopfhörer designen
Vergessen Sie alles, was Sie über In-Ears wissen. Die Huawei FreeClip 2 sehen aus wie Schmuck aus einem Science-Fiction-Film und klemmen am Ohr wie eine futuristische Manschette. Wir haben die zweite Generation der Open-Ear-Exoten getestet und klären, ob der „Wow-Faktor“ den stolzen Preis rechtfertigt – oder ob Sie hier nur teures Plastik spazieren tragen.
Stellen Sie sich vor, Sie tragen Kopfhörer, die Sie nicht spüren. Keine Silikonstöpsel, die im Gehörgang drücken, kein Bügel, der die Frisur ruiniert. Genau das verspricht Huawei mit den Huawei FreeClip 2. In einer Zeit, in der jeder Hersteller krampfhaft versucht, Apple zu kopieren, wirft Huawei eine Design-Bombe in den Ring: Zwei Kugeln, verbunden durch einen Draht, der sich „C-Bridge“ nennt. Klingt verrückt? Ist es auch. Aber funktioniert es?
Wir haben die neuen Open-Ear-Lauscher in die Mangel genommen – beim Joggen, im Büro und auf der Couch. Das Ergebnis ist eine Hassliebe.

Design & Komfort: Ein Hauch von Nichts (mit einem Haken)
Butter bei die Fische: Die FreeClip 2 sind die bequemsten Kopfhörer, die wir je getestet haben. Punkt. Jedes „Bud“ wiegt lächerliche 5,1 Gramm. Man klemmt sie sich ans Ohrläppchen – die akustische Kugel schwebt vor dem Gehörgang, die „Bohne“ (Akku & Technik) sitzt dahinter. Der verbindende Draht sorgt für den nötigen Klemmdruck.
Nach fünf Minuten haben Sie vergessen, dass Sie sie tragen. Das ist kein Marketing-Geschwafel, das ist Fakt. Für Menschen mit empfindlichen Gehörgängen ist das ein Segen.
Aber der Teufel steckt im Detail:
Die „C-Bridge“ ist nicht verstellbar. Haben Sie besonders große Ohrläppchen (wir schauen niemanden an, aber es kommt vor), kann es passieren, dass der Treiber nicht perfekt vor dem Gehörgang sitzt, sondern ein paar Millimeter zu weit hinten baumelt. Das ruiniert den Klang, bevor die Musik überhaupt spielt. Hier hätten wir uns in der zweiten Generation mehr Flexibilität gewünscht.
- Farben: Weiß, Schwarz, Blau (und bald Roségold).
- Case: Winzig (50x50x25 mm), passt in jede Münztasche.
- Schutz: IP57 (Staub & Wasser) – Regen beim Joggen ist also kein Drama.

Klangqualität: Physik lässt sich nicht austricksen
Kommen wir zum Elefanten im Raum. Open-Ear-Kopfhörer haben ein physikalisches Problem: Sie dichten nicht ab. Kein Bass-Druck, keine passive Isolierung. Huawei versucht, das mit 10,8 mm Doppel-Membran-Treibern zu kompensieren.
Das Ergebnis? „Okay“. Für Podcasts und Hörbücher sind die Huawei FreeClip 2 fantastisch. Stimmen sind klar, präsent und natürlich. Bei Musik hingegen fehlt der Wumms. Im Standard-Modus klingt alles sehr flach.
Wir haben die verschiedenen EQ-Presets in der „Huawei AI Life“-App durchprobiert:
- Elevate: Versucht Bass zu zaubern, erzeugt aber schnell hörbare Verzerrungen (Harmonic Distortion).
- Treble Boost: Macht alles klarer, sägt aber in den Höhen an den Nerven.
Wer audiophilen Hochgenuss sucht, ist hier falsch. Wer aber beim Radfahren den Verkehr hören will oder im Büro ansprechbar bleiben muss, nimmt diesen Kompromiss gerne in Kauf. Im direkten Vergleich liefern die Xiaomi OpenWear Stereo Pro allerdings etwas mehr Fülle für weniger Geld.

Steuerung & Features: Fummelei am Drahtseil
Hier hat Huawei etwas „Neues“ gewagt – und wir sind uns nicht sicher, ob wir es mögen. Statt nur auf die Kugeln zu tippen, sollen Sie jetzt auch den Verbindungsdraht (die C-Bridge) berühren.
In der Theorie: Cool.
In der Praxis: Ein Glücksspiel. Der Draht ist dünn, und weil man die Dinger kaum spürt, tippt man oft ins Leere.
Besser funktioniert die Gestensteuerung per Kopfbewegung: Nicken zum Annehmen von Anrufen, Kopfschütteln zum Ablehnen. Funktioniert meistens, sieht aber im Supermarkt dämlich aus.
Ein echtes Highlight ist die Auto-Left-Right-Erkennung. Es ist völlig egal, welchen Stöpsel Sie in welches Ohr stecken – die Sensoren checken das und weisen die Kanäle korrekt zu. Warum hat das nicht jeder Kopfhörer?

Technik Deep Dive: Was steckt drin?
Unter der Haube werkelt Bluetooth 5.4 mit Multipoint-Verbindung (zwei Geräte gleichzeitig). Ein spannendes technisches Detail ist die „Reverse Sound Waves“-Technologie (auch wenn Huawei sie hier marketingtechnisch anders nennt), die versucht, Schallwellen so zu bündeln, dass nur Sie die Musik hören und nicht Ihr Sitznachbar in der Bahn. Das klappt erstaunlich gut – Leakage ist minimal, solange Sie nicht auf 100% Lautstärke Techno hören.
Für Nutzer von Huawei-Smartphones gibt es exklusive Schmankerl wie Spatial Audio und den hochauflösenden L2HC-Codec. Android- und iOS-Nutzer schauen hier in die Röhre und müssen sich mit AAC/SBC begnügen.
Technische Daten im Überblick
- Treiber: 10,8 mm dynamisch (Dual-Magnet)
- Akku: 9 Std. (Buds) / 45 Std. (mit Case)
- Laden: USB-C & Wireless Charging (Qi)
- Verbindung: Bluetooth 5.4, Multipoint
- Gewicht: 5,1g pro Bud
Vergleich: Huawei FreeClip 2 vs. Die Konkurrenz
| Feature | Huawei FreeClip 2 | Bose Ultra Open Earbuds | Xiaomi OpenWear Stereo Pro |
| Preis (UVP) | ca. 199 € | ca. 300 € | ca. 120 € |
| Design | C-Bridge (Clip) | Manschetten-Design | Ohrbügel |
| Akkulaufzeit | 9 Std. / 45 Std. Total | 7,5 Std. / 27 Std. Total | 7,5 Std. / 38 Std. Total |
| Klang | Mittelmäßig, bassarm | Sehr gut, “Immersive Audio” | Gut für den Preis |
| Tragekomfort | Exzellent (kaum spürbar) | Sehr gut | Gut (aber spürbar) |
| Besonderheit | Auto L/R Erkennung | Bose Immersive Audio | Preis-Leistung |
Unsere Experten-Meinung: Innovation mit Preisschild-Schmerz
Ich bin ehrlich: Ich liebe das Konzept der Huawei FreeClip 2. Als jemand, der von In-Ears schnell Ohrenschmerzen bekommt, ist dieses Design eine Offenbarung. Man trägt sie den ganzen Tag, telefoniert, hört Musik, vergisst sie. Die Akkulaufzeit von echten 8-9 Stunden im Test ist ein Brett.
Aber – und das ist ein großes Aber – der Preis ist happig. Für knapp 200 Euro (ausgehend vom UK-Preis von £179) erwarte ich mehr klangliche Finesse. Die Steuerung am Draht ist fummelig und dass die Passform bei großen Ohren nicht justierbar ist, ist ein Design-Versäumnis.
Kaufempfehlung?
- Ja, wenn Sie Podcasts lieben, im Homeoffice viel telefonieren und In-Ears hassen. Der Komfort ist ungeschlagen.
- Nein, wenn Sie Musik “fühlen” wollen oder ein begrenztes Budget haben. Greifen Sie dann lieber zu den günstigeren Alternativen von Xiaomi oder Shokz.
Für weitere technische Details lohnt sich ein Blick direkt auf die offizielle Huawei Produktseite.
FAQ
Wann erscheinen die Huawei FreeClip 2 in Deutschland?
Der Release erfolgte parallel zum internationalen Marktstart im Dezember 2025. Sie sind ab sofort verfügbar.
Sind die FreeClip 2 laut genug für die U-Bahn?
Umgebungsgeräusche ungefiltert. In sehr lauten Umgebungen müssen Sie die Lautstärke fast aufs Maximum drehen, was der Audioqualität schadet.
Funktionieren alle Features mit dem iPhone?
Grundlegende Funktionen ja. Aber Spatial Audio und der High-Res-Codec L2HC bleiben exklusiv dem Huawei-Ökosystem vorbehalten. Die App „AI Life“ gibt es aber auch für iOS.

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